Die Berichterstattung zum Frauentag
Montag, 9. März 2009 12:18
Der “Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden”, wie der gestern begangene Frauentag ja laut Wikipedia offiziell heißt, fügt sich mittlerweile doch recht unauffällig in den Alltag ein. Allenfalls die Kombination der Inhalte ist noch eines Schmunzelns würdig. Vergleichbar ist das Ganze mit der Formulierung “Frauen und Behinderte werden bevorzugt eingestellt”, die es nach wie vor immer mal wieder in die eine oder andere Stellenanzeige schafft, so dass an dem Schenkelklopfer, ob sich nicht der ein oder andere Behinderte diskriminiert fühlen könnte, selbst Stefan Raab nicht mehr vorbeikam.
Doch glücklicherweise gibt es für Schlagzeilen ja die Katholische Kirche. Die – nicht zuletzt nach der Popularitätsoffensive im Umgang mit den Pius-Brüdern – pressegeschulte Leitstelle dieses etablierten Vereins, der Vatikan, verhalf dem Berliner Tagesspiegel dann auch zu folgendem Titel: “Vatikan feiert den Frauentag mit Kritik”.
Er habe ” den Internationalen Frauentag am Sonntag zu einem Rundumschlag gegen die aktuelle feministische Theorie genutzt” und “die ablehnende Haltung zu Verhütungsmitteln noch einmal betont”, so schrieb Andrea Dernbach für die Zeitung in der Hauptstadt. Was war passiert?
Die tolerante katholische Glaubensgemeinschaft schickte Lucetta Scaraffia, eine “Professorin für Zeitgeschichte an der römischen Universität La Sapienza” ins Rennen und veröffentlichte einen Artikel gegen die Gender-Theorie, “die Geschlechtsunterschiede im Wesentlichen als soziale Konstruktionen betrachtet, nicht als unveränderliche biologische Tatsachen.” Dramatisch, beschäftigt sich doch sogar jüngst die Medizin (Link führt zum entsprechenden Zentrum an Europas größtem Klinikum – der Charite Berlin) mit der geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Wirkung von Therapien bei Krankheiten. Wie immer in der Medizin, wahrscheinlich ohne jeglichen realen biologischen Hintergrund…
Verständlich also die Aufregung. Was bieten schon die immerhin vier Tage alten Meldungen über die Exkommunikation eines “neun Jahre alte[n] Mädchen[s], das nach einer mutmaßlichen Vergewaltigung durch ihren Stiefvater ihre Zwillinge abgetrieben hatte” (Quelle: Die Süddeutsche Zeitung bzw. sueddeutsche.de) an Stoff zur Diskussion über die Katholische Kirche, wenn zeitgleich eine Professorin einen Artikel im Organ des Vatikans, der Zeitschrift „Osservatore romano”, veröffentlicht?
Sollte man der intellektuell tätigen, emanzipierten Bürgerin an dieser Stelle eine Konfrontation mit der Wirklichkeit in weiten Teilen der Welt zumuten oder sich doch lieber auf den theoretisch-journalistischen Grundsatz “was passiert muss auch berichtet werden” zurückziehen? Gut – die Exkommunikation erfolgte in Brasilien. Da muss man erst mal über den Tellerrand schauen, während der Italiener an der Ecke das römische Urlaubsgefühl des letzten Sommers jederzeit greifbar macht…
Es bleibt der Eindruck, dass es schön wäre, würden Artikel über Emanzipation und Umweltschutz, Glauben und Gentechnik – Themen in denen aus Halbwissen Meinungen wurden, aus Meinungen Prinzipien und aus Prinzipien Dogmatismus – nicht nur ein dogmatisches Klientel bedienen, sondern auch die theoretisch prinzipiellen Überlegungen in ihrer Wichtigkeit aktuellen Ereignissen anpassen.

Montag, 9. März 2009 12:45
schön, mal wieder was von Dir zu lesen
Die Demo zum Weltfrauentag in Kiel war übrigens recht beschaulich. Ich schätze mal 100 Leute und genug Musikpower, um das 10fache zu beschallen – ob sie damit mehr oder weniger Akzeptanz schaffen, sei mal dahingestellt. Ich hab mich jedenfalls geärgert, kein NoMam-Shirt zu besitzen, als ich in aller Ruhe meinen Cafe an der Demostrecke trank
Montag, 9. März 2009 13:52
Passend dazu:
Katholische Kirche nimmt Anti-Computersekte wieder auf
Irgendwie habe ich so das Gefühl, dass die Aufnahme der Piusbrüder ein dezenter Hinweis auf eine veränderte Haltung der KK (eins fehlt noch) zu Toleranz ein sollte…
Montag, 9. März 2009 14:43
danke. ist wirklich schon etwas länger her – september 08 um genau zu sein (hab ich gerade mal nachgeguckt) – aber du kennst ja das zeitproblem. und so ein bisschen braucht es schon immer, die passenden nachrichten zum draufrumhacken zu finden… zumindest für mich.
dein zeitungslink ist natürlich kaum zu toppen – wenngleich das auch nur zeigt, wie viel sich eigentlich unter dem dach der katholischen kirche verbirgt. ich würd das allerdings dem normalen kirchgänger nicht anlasten wollen; ging ja auch primär gegen die journalistin oben.
aber ich muss an dieser stelle auch zugeben: passend zum thema war ich gestern im mozart-requiem in nem katholischen dom…